Vorwort von Sabine Arlitt zum Katalog «rendez-vous»


Begegnungen ermöglichen potenziellen Austausch. Austausch wiederum vermag neue Akzente zu setzen im Verlauf sich wandelnder Verbindungsqualitäten. «rendez-vous» nennt die in Zürich lebende Künstlerin Helene Sperandio ihre jüngste Werkgruppe. Ein auf die ursprüngliche Wortbedeutung bezogenes «findet euch ein!» macht sie zum Motto eines von ihr angeregten, prozessorientierten Bildgeschehens, das elementares Geschehenlassen metaphorisch für Visionen gesellschaftlichen Verhaltens öffnet. Helene Sperandio ist eine ebenso gefühlvoll wie experimentell agierende Materialforscherin und sie ist dies im Dienst expandierender Wahrnehmungsweisen jenseits kultureller Konstruktionen. Wichtig ist im Zuge ihrer Materialerkundungen immer auch die enge Einbindung der eigenen Person als Empfindungsträgerin. Für ihre aktuelle Werkgruppe stellte sie die Grundierung, das Farbmaterial und die Rahmen selbst her und sie nahm gezielt Einfluss auf von ihr selbst initiierte Krafteinwirkungen unterschiedlichster Art, etwa, wenn sie der Ölfarbe Brennstoff zuführte, um in der Folge Feuer zu entzünden.


Das Rendez-vous beinhaltet noch immer die scherzhafte Bedeutung des Stelldicheins, des verabredeten Treffens vor allem frisch Verliebter. In der Wortfolge «stell dich ein» ist darüber hinaus herauszuhören, dass auf herrschende Umstände reagiert werden soll. Solche mitschwingenden Konnotationen werden bedeutsam für Helene Sperandios Schaffen, das dem Wesenhaften des Materials Entwicklungsraum offeriert. Gleichzeitig wird die eigene Person über Bewegungsimpulse zur sinnlichen Mitakteurin. Für die Werkgruppe «rendez-vous» hat Helene Sperandio auf  Wanderungen in der Auvergne Vulkangestein gesammelt und das gefundene Farbmaterial in Deutschland zu Pigment verarbeiten lassen.


Drei Pigmente, Rot, Schwarz und Grau, fanden Eingang in die Werkgruppe «rendez-vous», die sich aus zehn Bildpaaren zusammensetzt, wobei ein Paar jeweils eine Malerei mit einer Fotografie in Beziehung bringt. Mit magerer Kaseintempera, der jeweils eines der gefundenen Vulkangesteinspigmente beigemischt wurde, grundierte Helene Sperandio hitzebeständige Schamottsteine als Bildträger für ihre Malerei. Die Malerei selbst realisierte sie als Farbguss, wobei das gleiche Pigment, das die Grundierung beeinflusste, auch der Ölfarbe beigemischt wurde. Helene Sperandio hat über viele Jahre höchst differenzierte Erfahrungen mit Farbgüssen gesammelt, was ihren Umgang mit ausgesuchten Pigmenten als dialogisch-synergetische Zusammenarbeit erfahrbar werden lässt. Sie versteht ihre Malerei als persönlich vorgetragene und individuell interpretierbare Metapher existenzieller Inhalte. Was als Farbgeschehen auf der Fläche sich ereignet, wird zum Reservoir für assoziative Koppelungsmechanismen, für Befruchtungsvorgänge, für Auf- und Entladungen, für Aufbruch und Stimulation. Die Gemälde führen Bilder als immer wieder neu und immer wieder anders aufgreifbares Treibgut mit sich. Die bewusste Entscheidung, Titanweiss als gleichsam fremde Farbe einzubeziehen, ist als eine Art produktiver Störfaktor wirksam, der gezielt, dabei nur teilweise lenkbar im Farbguss, für zusätzliche spannungsvolle Kontraste sorgt.


Das Moment der Transformation ist buchstäblich eingelassen in die umklammernde – medial fokussierende –Umrahmung. Parallel, doch motivisch unabhängig von der Malerei, hat Helene Sperandio die gesammelten Pigmente durch ein inverses Mikroskop fotografiert. Anders als im labortechnischen, auf wissenschaftliche Genauigkeit ausgerichteten Gebrauch, hat sie sich beim Blick durch das Mikroskop von einer malerischen Ästhetik leiten lassen. Das Faszinosum des von blossem Auge Unsichtbaren wurde zum fotografischen Bildregisseur. Gleich Preziosen schält sich Eingeschlossenes aus dem materiellen Gefüge heraus. Wo das Deuten versagt, scheint die materielle Welterfahrung in ihrer Brüchigkeit auf.


Die Mikroskop-Fotografien der «kleinen» Pigment-Welten eröffnen neue Horizonte und Überschreiten die sensorischen Grenzen des menschlichen Auges. Für Augenblicke herrscht die Tendenz zur Austauschbarkeit zwischen Malerei und Fotografie. Doch im sich daran anschliessenden Raumerkunden treten die Unterschiede der Wahrnehmungsweisen nur umso deutlicher und vor allem spürbar ins Bewusstsein. Das breite Format der Arbeiten, gesteigert noch in der Reihung auf gleicher Höhe, rückt die Konstruktion des normierenden Horizontgedankens ins Blickfeld. Der Gewinn an neuen Sehlandschaften in der Fotografie ist gekoppelt an einen Verlust fluider Bewegungsverläufe auf der sinnlichen Ebene, was die Malerei zu Tage fördert.


Sabine Arlitt

«rendez-vous»

gebunden, 32 Seiten, 18 x 21.5 cm, 2015

Fr. 20.–

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