«Oberwasser» LOKAL14

Michael Nitsch, Mai 2016


Unspektakulär werden wir empfangen, wenn wir das Lokal betreten. In fünf Pflanzenkisten präsentieren sich uns Staudengewächse, ganz so, wie wir sie auf jedem beliebigen Balkon oder Schrebergarten antreffen könnten. Erbsen sind der Dreh- und Angelpunkt der Werkserie von Helene Sperandio, die sich aus eben diesen Stauden, Fotografien und Videoarbeiten zusammensetzt. Die Erbsenpflanze als Hommage an Gregor Mendel, der mit diesen Pflanzen seine, nach ihm benannten Regeln der Vererbung erforschte, diente der Künstlerin als Grundlage ihrer visuellen Studien.


Es ist ein langsamer Arbeitsprozess, den sie dabei in Gang setzt. Drei verschiedene Sorten legt sie in Abständen von je einer Woche zuerst in Wasser, einen Tag später dann in die Erde der Töpfe. Wochenlang betrachtet sie das Wachstum der Pflanzen. Wenn die Zeit reif ist, beginnt die eigentliche Arbeit. Aus dem Untersetzer eines Topfes entnimmt sie eine kleine Menge Wasser, das sich dort angesammelt hat. Es hat sich angereichert mit Mineralien, Spurenelementen, Algen und Kleinstlebewesen und bildet damit gleichsam die Essenz oder Ursuppe des künstlerischen Prozesses, der nun folgt. Unter dem Mikroskop beobachtet sie, was sich im Wasser abspielt, fotografiert und filmt es. Was sich ihr auftut sind Welten, die an kosmische Eruptionen denken lassen – ein Kosmos im Mikrokosmos. So kann es ausgesehen haben, als vor Urzeiten erstes Leben entstand. Die Fotografien, die sie daraus generiert, entstehen aus Montage von neun Bildern und sind von malerischer Schönheit, die sich einer schlüssigen Zuordnung aber entziehen und so letztlich ihr Geheimnis bewahren.


Dass die Stauden, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben, nicht entsorgt, sondern ganz im Gegenteil prominent in Szene gesetzt werden, gehört zur sorgfältigen Vorgehensweise der Künstlerin. Sind es ja gerade die Pflanzen mit ihren Samen, welche die Geschichte vom ständigen Werden, Vererben und Vergehen erzählen. Und so gehört zu jeder fotografischen Arbeit ein kleines Kästchen mit Samen aller drei Erbsensorten, das potentiellen KäuferInnen mit der Intention mitgegeben wird, diese weiter zu kultivieren und so den Kreislauf aufrecht zu erhalten.

Die Welt von Daniela Belinga, die uns im Kabinett begegnet, ist so verschieden von jener Sperandios, dass man auf den ersten Blick brüskiert ist und sich fragt, welches das Bindeglied dieser (selbstgewählten) Wahlverwandschaft ist.

Im kleinen Raum hängen zwei riesige Pinselzeichnungen frei schwingend an nur einem Haken von der Decke. Sie berühren den Boden und drehen sich sanft. Eine weitere Zeichnung ist notdürftig und scheinbar unpassend hoch an die linke Wand gehängt. Hinten im Raum steht ein Wimpel, der eine Richtung vorzugeben scheint, die man nicht auf Anhieb enträtseln kann. Unmöglich, denkt man, das alles in einem so kleinen Raum zu zeigen und doch bewegen wir uns leicht in ihm und durch diese seltsame und faszinierende Inszenierung.

Die kauernde Figur, die uns zuerst begegnet, besteht fast nur aus einem Gesicht, das uns fragend anschaut. Eine Biene hat sich auf ihre Beine gesetzt. In ihrem Rücken breitet ein Insekt schützend seine riesigen Flügel aus. Ein fremdes Wesen vor der Metamorphose könnte das sein. Gesichter erkennt man auch in den Flügeln des zweiten hängenden Insektes, das die Verwandlung schon weitgehend vollzogen zu haben scheint. Dem Wimpel ist, beim genaueren Hinsehen, ein Zettel angepinnt. Die Widmung, die darauf zu lesen ist, verweist auf emotionale Bezüge und Verbindungen in der Ferne. Tagebuchseiten nennt die Künstlerin diese Blätter.

Im Gegensatz zu Sperandio arbeitet Belinga schnell und direkt. Es ist ein Arbeiten ohne Sicherheitsnetz, das immer auch ein Scheitern miteinbezieht. Verkehrungen und Verschiebungen der Dimensionen und Bezüge, wie oben ausgeführt, gehören dazu. Bei aller Direktheit ihrer Arbeitsweise gibt sich die Künstlerin aber nie ganz preis und überlässt Deutungen ihrer stark autobiografisch geprägten Kunst den Betrachtenden.

Im Untergeschoss verschmilzt die Kunst von Belinga und Sperandio, wie man das nicht für möglich gehalten hätte, in einer raumfüllenden Installation. Genährt vom angereicherten Wasser Sperandios, trägt die sphynxhafte Froschkönigin schützend – ja was? Die Welt, die sie soeben geboren hat oder ist es eine Erbse? Es könnte auch ein Fussball sein, wie jener, der die Szenerie bevölkert – oder eine Träne, die der rot lechzenden Zunge entgangen ist.