en passant

Irene Müller, 2017


Vor rund zwei Jahren hat Helene Sperandio ihr Atelier in Walenstadtberg bezogen, den Walensee in Sichtweite und die Churfirsten im Rücken. An diesem Ort, in unmittelbarer Nähe zur Natur, sind neue Arbeiten entstanden, welche die Künstlerin nun in einer konzentrierten, sorgfältig choreografierten Ausstellung präsentiert.


Die Auswahl der Arbeiten zeigt nicht nur das mediale Spektrum, sondern auch den Fokus, den Helene Sperandio in ihren fotografischen Arbeiten, Objekten und malerischen Experimenten verfolgt. Obwohl die Medien variieren, vermittelt die Ausstellung die inhaltliche Kohärenz des Werks: eine künstlerische Auseinandersetzung, die zum einen in einem grundlegenden Interesse an Naturphänomenen fusst und zum anderen von einer Freude am Experiment sowie einer instinktiven Neugier auf physikalische bzw. materiale Gesetzmässigkeiten angetrieben wird. Dabei ist Sperandios Zugang immer ein forschender.


Ihre Arbeiten entspringen in der Regel mehrstufigen und oft auch zeitaufwändigen Untersuchungen, innerhalb derer nicht nur Geduld und Überraschungen, sondern auch Umwege und Scheitern elementare Bestandteile sind. Ebenso zentral ist die Ausrichtung auf den Blick, auf die visuelle Wahrnehmung als Instrument des Erkenntnisgewinns. Mit der Wahl vom «Bild» als Ergebnis dieser prozessorientierten Strategie sind Entscheidungen verknüpft, welche die konzeptionelle Stringenz der bildgebenden Verfahren ebenso wie die Wirkungsmächtigkeit der Bildgegenstände, ihre verführerische Ausstrahlung und materiale Präsenz ganz ursächlich tangieren.


Helene Sperandio begegnet diesen Herausforderungen mit einem kritischen, sich immer wieder aufs Neue hinterfragenden Auge, wovon die unprätentiöse, doch fein ausbalancierte Ästhetik der Arbeiten Zeugnis ablegt.


Ganz konkret lässt sich dies an zwei Arbeiten nachzeichnen, die beide grundsätzlich dasselbe Material befragen, aber unterschiedlichen Methoden und dementsprechend auch mit unterschiedlichen visuellen Ergebnissen. So zeigt California Dream, an der Aussenwand des ans Atelier angrenzenden Wohnhauses platziert, eine fotografische Mikroskop-Aufnahme von Diatomeen, von kleinzelligen Kieselalgen, die sowohl freischwimmend in Süss- und Salzwasser vorkommen als auch als sedimentiertes erdiges Material. Durch die starke Vergrösserung der erneut in Wasser gelösten Diatomeenerde treten die einzelnen Kieselalgen, ihre anmutigen Formen und ihre transparente, fast unwirklich und schemenhaft erscheinende Körperlichkeit prägnant zutage. Im Prozess der fotografischen Fixierung werden wir ihrer Existenz gewahr, tauchen ein in ein Universum, das dem menschlichen Auge normalerweise verborgen bleibt. Mediale Stillstellung einer genuinen Beweglichkeit der Bildgegenstände, räumliche Schichtungen mittels optisch-bildgebendem Verfahren in die Fläche, in ein Bild gewandelt. Dieser Prozess einer «visuellen Annäherung» (HS), der unzählige Stunden des Fokussierens und Betrachtens, Auswählens und Verwerfens miteinschliesst, erfährt durch die Dimensionen des Plots auf Gewebe und seine Positionierung an der Hausfassade eine bestechende Monumentalität, die den jahrhundertealten, und doch immer aufs Neue faszinierenden Zusammenhang von Mikro- und Makrokosmos unmittelbar aufscheinen lässt.


Im Inneren des Ateliers begegnet man dann der gewissermassen korrespondierenden Arbeit, einer schmalen Holztafel, auf deren hellem Grund sich eine runde, bräunlich-gelbe Form manifestiert. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der auf der einen Seite das Gebilde umsäumende dunkle Schweif als Rauchspur, die beim Anzünden des zu Pigment vermahlenen und als Benzin-Öl-Gemisch aufgetragenen Diatomits entstanden sind; der verfestigte Zustand des «Malmaterials» wird gewissermassen wieder
in Bewegung versetzt, in eine alchemistische Spur gewandelt, die von ihrem Entstehungsvorgang und dessen atmosphärisch-physikalischer Bedingtheit zeugt.


Bereits anhand dieser beiden Arbeiten wird auch deutlich, dass Bewegung und Stillstand im Bild und die den Erzeugungsprozessen innewohnenden medialen Parameter zentrale Elemente in Sperandios Bildstrategien sind. Eine Gruppe von Fotoarbeiten, die jeweils auf der Überblendung zweier Aufnahmen von Echsen basieren, verdeutlicht dies auf eher spielerische Weise. Die Verdopplung der archaisch anmutenden Tiere erzeugt eine Art visuellen Nachschlag, eine filmische oder zumindest animierte Wirkung zweier zeitlich differenter Momente, die zu einem Suchbild, einer ineinander geschobenen, quasi phantasmatischen Konstruktion von Bildwirklichkeit verschmelzen. Während diese Werkgruppe nicht zuletzt von der affektiven Aufladung des Erkundens, der vorsichtigen Annäherung an den jeweiligen Bildgegenstand geprägt ist, sind die weiteren, im Erdgeschoss präsentierten Arbeiten weitaus stärker von ungehemmter Experimentierfreude gekennzeichnet.


Sowohl die sogenannten Russ-Bilder als auch das vierteilige Glasobjekt basieren auf Versuchsanordnungen bzw. Materialuntersuchungen, über deren Ergebnis Sperandio keinesfalls Gewissheit haben konnte. In beiden Fällen sind es die Werkstoffe, die – abgesehen von wenigen grundlegenden formalen Enscheidungen – die Gestalt der Arbeiten definieren. Bei Nano 1–2, die als zweifache, gegeneinander gewendete Hinterglasbilder konzipiert sind, resultieren die amorphen Formen unmittelbar aus dem Auftrag des aufgelösten Russes bzw. der auf der Rückseite der zweiten Scheibe aufgebrachten weissen Grundierung. Die Glasscheibe biegt sich aufgrund des «Farbauftrags» durch, die Interaktion der aufei-nandertreffenden Materialien mündet in ein Bild, das ebenso von seiner offenen Anlage wie von der Unberechenbarkeit im Verlauf seiner Entstehung zeugt. Und auch bei Siesta, für die Sperandio einen Feuerstein in eine Glasform eingegossen hat, sind die Auswirkungen physikalischer Gesetzmässigkeiten, die Wechselwirkung von Spannung und Entspannung im materialen Miteinander und dessen Hand-
habung ausschlaggebend.


Im Obergeschoss überrascht die Besucher/innen dann eine installative Situation, die abermals mit dem Effekt einer Augentäuschung auf den ersten Blick operiert. Denn auch Sozius, ein handgestrickter weisser Pullover, der nonchalant über die Lehne des Metallstuhls geworfen ist, enthüllt erst bei näherer Betrachtung das Geheimnis seines filigranen Musters: Es sind winzige kugelige Kletten, die Perlen oder Pailletten gleich an der flauschigen Textur haften. Sperandio konkretisiert hier den Körperbezug, der in den bereits erwähnten Arbeiten auch immer latent mitschwingt, in einem Objekt, das nicht nur haptische Begehrlichkeiten weckt, sondern diese auch auf ironisch-lustvolle Weise unterwandert. Zugleich – und damit lässt sich wieder ganz konkret ein Bogen zu der Fotoserie Echsen 1–4 im Erdgeschoss spannen – artikuliert sich in dieser Arbeit auch die Faszination am visuellen Begreifen von Oberflächen, von materialen Texturen und phänomenologischen Reizen, die in gewisser Weise unser Verhältnis zur physischen sowie metaphysischen Beschaffenheit von Realität prägt.