Hotel Val Sinestra – Aua Forta

Lukas Vogelsang, 2017


Nach dem Vereina Tunnel geht die Sonne auf. Zuvor war eine hinderliche Fahrt: Es schneite und der Nebel lag so tief, dass man froh sein konnte, überhaupt die Strasse zu erkennen. Stunden waren wir schon so unterwegs der Autoverlad Vereina war eine willkommene Pause. Danach das Märchenland. Blauer Himmel und Frieden, als ob wir auf einem anderen Planeten gelandet wären. Nach Scuol folgen wir den Schildern von der Hauptstrasse weg nach Sent. In diesem urchig-schönen Dörfchen werden nicht einmal die Strassen vom Schnee geräumt. Und etwas ausserhalb, hiess es, sollen wir am Waldrand warten. Peter Kruit holt uns ab.


Hinten im Tal, nach einigen Kurven und vielen Tannen steht es da: das Kurhaus Val Sinestra. Es ist hier hinten, wo sich Vampire und Geister guten Morgen wünschen, mit seinen rund elf Stockwerken, ein absurder Anblick. Aber wir sind im Märchenland. Peter erklärt uns kurz, wie er vor rund 38 Jahren das Kurhaus gekauft hatte. Sein neu gebautes Einfamilienhaus sei teurer gewesen. Nur der Unterhalt sei intensiv. Es kämen wenig Schweizer hierher, hauptsächlich Holländer. Er und sein Team holen diese aus Holland ins Märchenland, fahren mit Cars. Wir zählen vier grosse Autocars, der fünfte und grösste sei bestellt und käme demnächst. Das Val Sinestra ist kein Ort für Luxus-Ferien. Aber Peter erklärt uns, dass intakte Natur, freundliches Personal und ein vernünftiger Preis fast jeden Ort erfolgreich machen können. Das hier ist ein Familienhotel oder eine Art Jugendherberge. Es könnte auch ein Seminarhotel sein. Oder wie in unserem Fall, deswegen haben wir den weiten Weg auf uns genommen, ein Kunsthotel. Wir stehen vor dem gewaltigen Bauwerk und sind einfach beeindruckt. Es riecht nach Abenteuer.


Das Kurhaus wurde 1912 errichtet. Das heilende Mineralwasser, Aua Forta («starkes Wasser») war schon vor über 1000 Jahren bei den Einheimischen bekannt. Man linderte Nervenleiden, Blutarmut, Rheuma und vieles mehr damit. Doch das Bade- und Trinkkurhaus wurde 1972 geschlossen. Und dann kam Peter. Seine Konzepte sind anders. In diesem Hotel wird man nicht bedient, sondern man arbeitet miteinander. Das heisst nicht, dass man schuften muss, aber einen Zimmerservice gibt es hier nicht. Und die Duschen sind auf dem Gang und Essen gibt's an einem Buffet, Frühstück und Abendessen. Und dazwischen sind ganz viele Räume, viel Natur und Spaziergänge oder Wanderungen, viele spannende Menschen, viel Ruhe und diesmal auch Kunst.


Daniela Belinga, Künstlerin und Kuratorin des Projekts «Aua Forta», führt uns, nachdem wir das Haus und Zimmer inspiziert haben, durch die Ausstellung. Sie hatte für eine Medienpartnerschaft angefragt – ich fand das Projekt irgendwie spannend. Das liebe Bauchgefühl – es wählt erstaunlich gut.


Die Unterlagen zur Ausstellung, die uns Daniela verteilt, sind mir ein Rätsel. Da kommen viele Fragmente zusammen, wie ein springender Wollknäuel, der die Hoteltreppe runterkullert und ein Netz entstehen lässt. Doch wenn man dem Faden folgt und die einzelnen Puzzelteile zusammensucht, ergeben sich Bilder und Erkenntnisse. Und um diese aufzuspüren, hat man im Hotel Val Sinestra viel Zeit. Hier gibt es nichts, was ablenkt.


Ein Satz stricht hervor: «It's about connecting with an older knowledge and trying to discover continuities in why we search for heaven …». (Anselm Kiefer, deutscher Maler und Bildhauer). Die KünstlerInnen Mario Benjamin, Arno Camenisch. Kurt Derungs, frölicher | bietenhader, Frederikke Hansen, Renate Lerch, Rene Müller, Kurt Ryslavy, Helene Sperandio, Sarah Studer, Elise Tak, Timo Ullmann, Jacqueline Weiss, Angela Wüst und Daniela Belinga haben mehrheitlich damit gearbeitet. So sind überall im Haus Objekte, Bilder, Installationen platziert worden. Auf dem verworrenen Weg, diese aufzuspüren, begegnet man unweigerlich der Geschichte des Hauses und entdeckt weitere ohne Ende. Dabei verirrt man sich auf dem Dachboden oder im tiefen Keller, in den Gängen oder ganz nebensächlich im Eingang. Wer wegen der Kunst hierherkommt, verbindet sich mit dem Hotel und wer unwissender Hotelgast ist, entdeckt die Kunst.


Sehr eindrücklich haben Renate Lerch und Jacqueline Weiss eine Performance aus den alten Matratzen, die sie zuhauf auf dem Dachboden gefunden haben, per Videofilm festgehalten. Sie haben auch die alten Metallbetten in den Hotelgang im dritten Stock gestellt, und je nach Licht entstehen schreckliche oder leidende Geschichten. Im zweiten Stock haben die beiden Künstlerinnen mit alten Ringier-Titelseiten von Unterhaltungsmagazinen, welche sie auf einem anderen Dachboden gefunden haben, einen Bodenleger gestaltet, der mit einem Pflegerwägeli und einer dort montierten riesigen Lupe betrachtet werden kann. Irgendwann ertappt man sich, wie man auf dem Boden rumkriecht und sich in den Artikeln aus der Kurzeit verliert.


Daniela Belinga hat sich den Sirenen, welche im «Aua Forta» zu Hause sind, angenähert. Auf dem Estrich des Gebäudes hängen zwei Showgirl-Bilder von dekadenten Sirenen. Gleich daneben liegt ein Haufen Sirenenbrüste – das hinterlässt an diesem Ort sehr eigenwillige, witzige aber auch bewegende Eindrücke. Wer den Mut hat und im Estrich noch in den Turm kraxelt, entdeckt ein spezielles Matratzenlager, das die Installation noch um ein paar Kapitel anreichert. Man kann Bücher schreiben aus diesen Momenten.


Helene Sperandio hat sich sehr analytisch mit dem Ort verbunden. Sie verwendet Kaseintempera (Leim), Quellwasser, Steinpigmente und hat durch Schrägstellung der Leinwand ein Bild entstehen lassen. Auf einer anderen Arbeit hat sie ein Ölgemälde von einem Berg gemalt und das Bild mit einer Mischung von Steinmehl aus dem Talfluss Brancla übergossen, bis sich auf der oberen Kante ein Berg erhoben hat ... Sehr gelungen ist auch die Wasseranalyse des «Heilwassers».


Auf dem Rundgang entdeckt man immer wieder alte Monitore der Arbeiten von frölicher | bietenhader, die mir einem ferngesteuerten Spielzeugauto und darauf montierter Kamera unzugängliche Räume ausgeforscht haben. Die Filme wirken wie Tunnel in eine andere Dimension. Und so geht es weiter und weiter. Und manchmal steht man einfach vor einem Stück Haus und weiss nicht so recht, ob das jetzt eine Kunstinstallation oder ein Stück Geschichte ist. Und weil das alles irgend wie schräg ist mit all seinen Dimensionen, dem Ort, den vielen absurden Konzepten und Ideen, den Zimmern. den Geschichten und den Menschen – wird der Ort zu einem magischen Märchen. Solche Orte sind heute rar geworden oder schon ganz vergessen gegangen. Im Hotel Val Sinestra nicht. Da beginnt alles wieder. Irgendwie.